Göttingen. Nach Monaten intensiver Diskussionen, politischer Unruhe und eines laufenden Disziplinarverfahrens wagt Marcel Riethig den Schritt zurück in die Öffentlichkeit – und kündigt für die Wahl im September 2026 seine erneute Kandidatur (parteilos) für das Amt des Landrats im Landkreis Göttingen an. Trotz der Turbulenzen, die ihn aus dem Amt gedrängt haben, präsentiert er sich entschlossen, kämpferisch und überzeugt davon, dass die Bürgerinnen und Bürger des Landkreises Göttingen selbst über seine politische Zukunft entscheiden sollten. Im Gespräch mit meineREGION365 erläutert Riethig, warum er gerade jetzt wieder antritt, wie er das Verhältnis zu den Mitarbeitenden im Kreishaus sieht und welche strukturellen Veränderungen er im Falle eines Wahlsiegs anstrebt.
meineREGION365: Was bewegt Sie dazu diesen Schritt jetzt zu gehen?
Marcel Riethig: Jetzt erst recht. Ich habe mich auf meine erneute Kandidatur schon gut vorbereitet und habe Projekte, die die Verwaltung bürgernäher und effizienter machen. Diese Projekte möchte ich unbedingt weiter umsetzen und im Sinne der Bürger gestalten. Projekte wie die Radwegebrücke über den Wendebach bei Niedernjesa zeigen, was mit einem bürgerfreundlichen Landrat möglich ist. Für solche Projekte stehe ich auch zukünftig. Und zuletzt hat es auch was mit Gerechtigkeit zu tun. Ob ein Landrat sein Amt weiterführen sollte oder nicht, dass sollten Bürger des Landkreises an der Wahlurne entscheiden.
meineREGION365: Angenommen Sie gewinnen die Wahl: wie würden Sie mit den Mitarbeitern umgehen und zusammenarbeiten?
Riethig: Ich habe die Zusammenarbeit nie aufgekündigt. Ich vergesse so gut wie nichts, aber ich bin kein nachtragender Mensch. Ich will im Sinne der Bürger weitermachen und den Mitarbeitern eine professionelle Zusammenarbeit ermöglichen. Wer das nicht möchte, muss im Falle meiner Wahl nicht in der Kreisverwaltung bleiben.
meineREGION365: Ist eine Zusammenarbeit bei einem gestörten Vertrauensverhältnis überhaupt möglich?
Riethig: Nicht ich habe das Vertrauen aufgekündigt. Ich hatte immer ein gesundes Misstrauen und habe ohnehin nie etwas blind unterschrieben und so manche Fehler korrigiert. So möchte ich weitermachen. Wer mir und meinen Entscheidungen nicht vertraut, muss sie trotzdem umsetzen, solange er oder sie vom Landkreis Göttingen, und das bedeutet seinen Steuerzahlern, bezahlt wird.
meineREGION365: Wenn Sie gewählt würden, würden Sie an Ihrem Führungsstil etwas ändern?
Riethig: Ja. Wir brauchen mehr Verbindlichkeit und mehr Raum für konstruktive Kritik, ohne dass Entscheidungen verzögert werden. Niemand darf Angst haben sich zu äußern und gleichzeitig darf kein Raum dafür sein, dass eine angebliche Angst als Schutzbehauptung missbraucht wird.
meineREGION365: Wie beabsichtigen Sie im Falle der Wahl die Dezernentenposten zu besetzen?
Riethig: Ich beabsichtige die Wahlbeamtenverhältnisse auslaufen zu lassen und anschließend das Wahlbeamtentum abzuschaffen. An Stelle von drei Wahlbeamten und 13 Lebenszeitbeamten als Fachbereichsleitungen möchte ich auf tariflich beschäftigte Experten setzen, die die Verwaltung in einem Vorstand mit mir gemeinsam führen.
meineREGION365: Würden Sie die Dezernenten absetzen wollen?
Riethig: Nein. Sie werden teuer bezahlt und haben ihre Pflichten zu erfüllen. Eine Absetzung würde den Steuerzahler nur noch mehr Geld kosten, zumal für ihre Arbeit dann neue Kräfte bezahlt werden müssten.
meineREGION365: Wie wollen Sie Ihre Wahl gegenüber den Bürgern bei einem laufenden Disziplinarverfahren rechtfertigen?
Riethig: Die Vorwürfe sind haltlos und das werde ich im Wahlkampf transparent und nachvollziehbar kommunizieren. Dann kann sich jeder sein eigenes Bild machen.
meineREGION365: Gehen Sie davon aus, dass das Disziplinarverfahren abgeschlossen ist?
Riethig: Ich strebe eine lückenlose Aufklärung an und wünsche mir ein schnellstmögliches Verfahren.
meineREGION365: Werden Sie für eine Partei antreten?
Riethig: Nein. Ich möchte als unabhängiger Kandidat antreten. Ein Landrat muss in erster Linie für die Bürger da sein. In der aktuellen Situation halte ich es nicht für klug, mich von Parteiinteressen einschränken zu lassen.
meineREGION365: Wie sieht Ihre Machtbasis im Kreistag aus?
Riethig: Ich habe schon in der Vergangenheit parteiübergreifend sehr gut zusammengearbeitet. Darauf werde ich meine künftige Amtsführung als unabhängiger Landrat bauen. Ich glaube, gerade in der heutigen Zeit tut es der Politik gut, wenn Entscheidungen viel stärker nach sachlichen als nach parteipolitischen Erwägungen getroffen werden. Wechselnde Mehrheiten beleben unsere Demokratie und schaden ihr nicht.
meineREGION365: Wie hat sich die SPD hierzu verhalten? Gab es hierzu eine Kommunikation?
Riethig: Ich habe die SPD vorab informiert. Das gehört sich so. Wie sich die SPD nun verhält, muss sie entscheiden.
meineREGION365: Rechnen Sie mit Unterstützung auch durch Mitglieder der CDU?
Riethig: Ich erwarte Unterstützung von Menschen mit unterschiedlichen politischen Überzeugungen. Viele Menschen sehen zuerst die Person und nicht eine Parteizugehörigkeit und richten daran ihre Wahlentscheidungen aus.
meineREGION365: Wie beabsichtigen Sie Ihre Wahl zu finanzieren? Gibt es bereits Menschen, die Ihnen Unterstützung persönlicher oder wirtschaftlicher Art zugesichert haben? Können und wollen Sie diese benennen?
Riethig: Für mich ist ein Wahlkampf ohne Partei in der Organisation ungleich schwerer. Aber es gibt viele Menschen, die mich unterstützen wollen und werden. Und selbstverständlich halten wir uns, wie in der Vergangenheit auch, an die rechtlichen Vorgaben. Wer seine Unterstützung für mich öffentlich machen möchte, darf sich gerne äußern.
meineREGION365: Was sagen Sie zum Vorwurf Klima der Angst?
Riethig: Womit wird diese Behauptung begründet? Es gab anonyme Mitarbeiter-Befragungen. Dort tauchte das Thema nie auf. Der Krankenstand ist niedriger als bei der Stadt und im Durchschnitt des öffentlichen Dienstes. Auch an die Personalvertretungen hat sich offenbar niemand gewendet. Für mich klingt das nach einer reinen Schutzbehauptung, dass man den Kreistag und andere übergehen wollte. Denn der Kreistag war inhaltlich auf meiner Seite, bei einigen Punkten entsprach mein Vorgehen den Forderungen von Abgeordneten wie beispielsweise bei der Radwegbrücke über den Wendebach.
Rückblick:
Marcel Riethig sah sich in den vergangenen Wochen mit schweren, aus seiner Sicht jedoch "haltlosen" Vorwürfen konfrontiert. Er beantragte selbst ein Disziplinarverfahren gegen sich, was derzeit läuft. Kritik an seinem Führungsstil, Vorwürfe eines "Klima der Angst" innerhalb der Verwaltung sowie Entscheidungen in Sachfragen hatten dazu geführt, dass Führungskräfte das Vertrauensverhältnis zu ihm als zerrüttet bezeichneten. Während anonym geäußerte Vorwürfe öffentlich diskutiert wurden, während Riethig die Vorwürfe nicht kannte, bliebt bislang vieles ungeklärt - besonders, ob die Vorwürfe begründet sind und was die politischen Motive hinter den Vorwürfen sind, die in der Sache zum Teil schon Jahre zurückreichen. Riethig bestreitet die Anschuldigungen weiterhin und verweist darauf, dass sich niemand an die zuständigen Stellen im Vorfeld gewendet hatte.
Das Innenministerium suspendierte Riethig am 17. März vorläufig. Es leitete ein Disziplinarverfahren aufgrund von 12 der 28 Vorwürfe gegen Riethig ein und begründete die Suspendierung als der "Sicherung des ordnungsgemäßen und ergebnisoffenen Verfahrens dienende Maßnahme". Anstatt sich nun aus der Politik zurückzuziehen, will er nun erneut kandidieren - mit dem Ziel, seine begonnenen Projekte fortzusetzen und die Entscheidung darüber den Bürgerinnen und Bürgern zu überlassen.