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Göttingen entscheidet über die neue Rathausspitze

Am Sonntag, 27. September, entscheidet sich, wer künftig an der Spitze des Göttinger Rathauses steht: Onyeka Oshionwu von den Grünen und Ehsan Kangarani von der CDU treten in der Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt gegeneinander an. Bildcollage: Schäfer
Am Sonntag, 27. September, entscheidet sich, wer künftig an der Spitze des Göttinger Rathauses steht: Onyeka Oshionwu von den Grünen und Ehsan Kangarani von der CDU treten in der Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt gegeneinander an. Bildcollage: Schäfer

Am 27. September entscheidet Göttingen über die neue Rathausspitze. Onyeka Oshionwu und Ehsan Kangarani treten in der Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt an.

Am kommenden Sonntag, 27. September, fällt die Entscheidung darüber, wer Göttingen in den kommenden acht Jahren als Oberbürgermeisterin oder Oberbürgermeister führen wird. In der Stichwahl stehen sich Onyeka Oshionwu von Bündnis 90/Die Grünen und Dr. Ehsan Kangarani von der CDU gegenüber. Beide hatten sich beim ersten Wahlgang am 13. September gegen zwei weitere Bewerber durchgesetzt, die für einen direkten Wahlsieg erforderliche absolute Mehrheit jedoch verfehlt. Die Wahllokale sind am Sonntag von 8 bis 18 Uhr geöffnet.

Damit endet zugleich eine politische Ära im Göttinger Rathaus. Amtsinhaberin Petra Broistedt von der SPD tritt nach einer Amtszeit nicht erneut an. SPD-Kandidat Dr. Florian Dinger verfehlte im ersten Wahlgang die Stichwahl. Unabhängig davon, wie die Entscheidung am Sonntag ausfällt, wird das Oberbürgermeisteramt damit nach rund 20 Jahren nicht mehr von der SPD besetzt sein. Die drei vorherigen Göttinger Oberbürgermeister beziehungsweise Oberbürgermeisterinnen gehörten der SPD an.


Oshionwu lag im ersten Wahlgang vorn

Beim ersten Wahlgang erhielt Oshionwu 41,4 Prozent beziehungsweise 23.201 Stimmen. Kangarani kam auf 27,9 Prozent und 15.595 Stimmen. Dinger erreichte für die SPD 21,6 Prozent, Dr. Thomas Goes von der Linken 9,1 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 61,6 Prozent: Von 92.921 Wahlberechtigten beteiligten sich 57.225 an der OB-Wahl.

Das Ergebnis vom 13. September entscheidet die Stichwahl allerdings nicht vor. Am Sonntag stehen nur noch Oshionwu und Kangarani auf dem Stimmzettel. Entscheidend ist damit auch, wie sich Menschen verhalten, die im ersten Wahlgang Dinger oder Goes gewählt haben, und ob beide Kandidaten ihre bisherigen Wähler erneut mobilisieren können. Die Göttinger SPD hat nach dem Ausscheiden ihres eigenen Kandidaten öffentlich erklärt, Oshionwu in der Stichwahl zu unterstützen. Kangarani tritt für die CDU an und wird auch von der FDP unterstützt; Oshionwus Kandidatur wurde bereits im ersten Wahlgang neben den Grünen unter anderem von Volt und dem Bündnis für nachhaltige Stadtentwicklung unterstützt.


Zwei Kandidaten, die das Rathaus bereits kennen

So unterschiedlich ihre beruflichen Wege sind, haben Oshionwu und Kangarani eine Gemeinsamkeit: Beide sind bereits kommunalpolitisch in Göttingen aktiv und kennen das Rathaus aus der Arbeit im Stadtrat.

Oshionwu ist 33 Jahre alt, in Göttingen geboren und aufgewachsen und gehört seit 2021 dem Rat der Stadt an. Sie ist ehrenamtliche Bürgermeisterin und sitzt unter anderem im Verwaltungsausschuss sowie in den Ausschüssen für Schule, Sport und Umwelt, Klimaschutz und Mobilität. Nach einer Ausbildung zur Flugbegleiterin studierte sie Politik/Wirtschaft und Englisch auf Lehramt und schloss das Studium mit einem Master of Education ab. Neben ihrer Tätigkeit bei der Lufthansa unterrichtet sie nach eigenen Angaben jugendliche Straftäter im offenen Vollzug.

Kangarani, Jahrgang 1981, wurde in Teheran geboren und lebt seit mehr als 40 Jahren in Göttingen. Er studierte Rechtswissenschaften an der Universität Göttingen, promovierte und arbeitet heute als Oberstaatsanwalt. Seit 2021 gehört auch er dem Rat der Stadt an und ist ehrenamtlicher Bürgermeister. Zu seinen kommunalpolitischen Aufgaben zählen der Vorsitz im Bauausschuss und die Mitarbeit im Finanzausschuss.


Die Finanzlage prägt den Wahlkampf

Zu den größten Herausforderungen der nächsten Rathausspitze gehört die angespannte finanzielle Lage Göttingens. Die Stadt musste 2026 wegen wegbrechender Einnahmen und steigender Pflichtausgaben einen Nachtragshaushalt vorbereiten; bereits zuvor waren die Liquiditätskredite stark gestiegen. Entsprechend nimmt die Frage, wie Göttingen sparen und zugleich investieren soll, im Wahlkampf breiten Raum ein.

Gerade hier unterscheiden sich die Konzepte der beiden Kandidaten deutlich. Kangarani setzt stärker auf Ausgabenkontrolle und wirtschaftliches Wachstum. Er spricht sich gegen weitere Erhöhungen von Gewerbe- und Grundsteuer aus und will freiwillige Ausgaben überprüfen. In der Verwaltung sollen nach seiner Vorstellung durch Aufgabenkritik, schlankere Strukturen und natürliche Personalfluktuation Kosten reduziert werden; betriebsbedingte Entlassungen schließt er dabei ausdrücklich aus. Zusätzliche Gewerbeflächen, vereinfachte Genehmigungen und eine stärkere Ansiedlung und Entwicklung von Unternehmen sollen nach seinem Konzept langfristig höhere Einnahmen ermöglichen.

Oshionwu setzt neben effizienteren Verwaltungsstrukturen stärker darauf, Investitionen und zusätzliche Einnahmequellen miteinander zu verbinden. Sie will ein zentrales Fördermittelmanagement schaffen, damit die Stadt stärker auf Förderprogramme von Bund, Land und anderen Geldgebern zugreifen kann. Zu ihren Vorschlägen gehören außerdem eine Verpackungsmüllabgabe zur Finanzierung zusätzlicher Sauberkeitsmaßnahmen sowie Investitionen beispielsweise in energetische Sanierung, Klimaanpassung und Infrastruktur. Beim jüngsten Wahlforum zeigte sich die Finanzpolitik als eine der deutlichsten inhaltlichen Trennlinien zwischen beiden Kandidaturen.


Bezahlbarer Wohnraum beschäftigt beide

Beim Wohnen sehen beide Kandidaten Handlungsbedarf, setzen aber teilweise unterschiedliche Instrumente ein. Oshionwu möchte den kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungsbau stärken und die städtische Wohnraumagentur ausbauen. Sie will unter anderem Menschen unterstützen, die große Wohnungen oder Häuser teilen oder in kleinere Wohnungen wechseln möchten. Neue Quartiere sollen nach ihren Vorstellungen stärker unter Beteiligung der späteren Bewohner geplant werden.

Auch Kangarani nennt bezahlbaren Wohnraum als zentrales Ziel. Sein Schwerpunkt liegt stärker auf schnelleren Planungs-, Genehmigungs- und Vergabeverfahren sowie der Nutzung bereits vorhandener Flächen. Er argumentiert, dass langwierige Verfahren Investitionen und Bauprojekte verzögern. Zugleich will er zunächst bereits erschlossene oder anderweitig nutzbare Flächen in den Blick nehmen, bevor zusätzliche Flächen versiegelt werden.


Klimaschutz und Mobilität

Einen besonderen Schwerpunkt setzt Oshionwu auf Klimaanpassung. Sie kündigt ein kommunales Hitzeschutzkonzept mit mehr Schattenplätzen, Trinkwasserstellen und kühlen öffentlichen Räumen an. Mehr Bäume und entsiegelte Flächen sollen die Stadt auf heißere Sommer vorbereiten. Beim Verkehr spricht sie sich für sichere Radwege auf den Hauptachsen und für die Umsetzung des 2024 beschlossenen Radentscheids I aus. Gleichzeitig nennt sie einen verlässlichen öffentlichen Nahverkehr als wichtigen Bestandteil ihrer Stadtentwicklungspolitik.

Kangarani verbindet Umwelt- und Klimafragen stärker mit Wirtschafts- und Flächenpolitik. Unternehmen sollen sich nach seinen Vorstellungen entwickeln können, zugleich sollen Eingriffe in die Natur möglichst gering gehalten werden. Beim Wissenschaftsstandort nennt er neben Wohnraum auch bessere Radverbindungen zu Campus und Forschungsinstituten sowie Verbesserungen im öffentlichen Nahverkehr als wichtige Infrastrukturaufgaben.


Schulen, Familien, Sport und Kultur

Bei vielen klassischen kommunalen Aufgaben liegen die grundsätzlichen Ziele näher beieinander. Beide Kandidaten sprechen sich für Investitionen in Bildung, Kinderbetreuung, Sport und gesellschaftliche Infrastruktur aus, setzen jedoch unterschiedliche Akzente.

Kangarani will wohnortnahe und bezahlbare Betreuungsplätze ausbauen und eine verlässliche Betreuung bis 17 Uhr ermöglichen. Darüber hinaus nennt er die Modernisierung von Sportstätten, zusätzliche Hallenkapazitäten und die Förderung des Ehrenamts als Ziele. Auch die Zusammenarbeit zwischen Stadt, Universitätsmedizin, Kliniken und niedergelassenen Ärzten soll ausgebaut werden.

Oshionwu will unter anderem eine FamilienCard nach Stuttgarter Vorbild einführen, die Kindern und Jugendlichen Zugang zu Freizeit- und Bildungsangeboten erleichtern soll. Sie nennt außerdem schnellere Bildungs- und Teilhabeleistungen, die Stärkung von Quartierszentren sowie die Sanierung des Deutschen Theaters. Die Stadtbibliothek möchte sie nach internationalen Vorbildern zu einem stärker auf Lernen, Begegnung und digitale Angebote ausgerichteten Ort weiterentwickeln.


Am Sonntag genügt die Mehrheit der Stimmen

Für die Stichwahl gelten grundsätzlich dieselben Voraussetzungen wie beim ersten Wahlgang. Wahlberechtigt sind Deutsche sowie Staatsangehörige anderer EU-Mitgliedstaaten ab 16 Jahren, sofern sie die kommunalrechtlichen Wohnsitzvoraussetzungen erfüllen. Die Wahllokale schließen um 18 Uhr. Da diesmal lediglich zwei Kandidaten zur Wahl stehen, wird mit einem deutlich einfacheren Auszählungsverfahren als bei der umfangreichen Kommunalwahl vom 13. September gerechnet.