Der Fachausschuss Kinder, Jugend, Bildung, Ordnung und Tourismus der Stadt Osterode am Harz beschäftigte sich am 19. Januar 2026 im Ratssaal des Rathauses intensiv mit dem Thema Kinderarmut. Im Mittelpunkt stand das Projekt „Chancenreich“, das von der Stadt Osterode am Harz, dem Landkreis Göttingen und dem DRK-Familienzentrum gemeinsam umgesetzt wird. Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Jens Augat präsentierten Thoskild Lätsch (Stadt Osterode am Harz), Jessica Wetter (Landkreis Göttingen) und Joyce Spillner (DRK-Familienzentrum) die Entstehung, Zielsetzung und bisherigen Erfolge des Projekts „Kinderarmut zeigt sich nicht nur im Geldbeutel, sondern in vielen Lebensbereichen. Mit dem Projekt Chancenreich schaffen wir gemeinsam mit dem Landkreis und starken Partnern vor Ort bessere Zugänge zu Unterstützung, Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe und setzen damit ein wichtiges Zeichen für mehr Chancengerechtigkeit in unserer Stadt“, betonte Bürgermeister Jens Augat.
Ausgangspunkt und Netzwerkbildung
Den Ausgangspunkt der Initiative bildete im April 2024 ein Austausch zwischen Osterodes Bürgermeister Jens Augat und dem zuständigen Kreisrat Conrad Finger. Anlass war die vom Landkreis Göttingen festgestellte hohe Zahl armutsgefährdeter Kinder in Osterode. Wenige Wochen später kamen Vertreterinnen und Vertreter von Stadt und Landkreis erstmals zusammen, um gemeinsame Strategien zu entwickeln. Ziel war und ist es, ein belastbares Netzwerk aufzubauen, bestehende Angebote besser zu verknüpfen und Bedarfe gezielt zu ermitteln. Aus dem anfänglich kleinen Team entwickelte sich ein wachsendes Netzwerk, das seit Februar 2025 regelmäßig tagt und themenspezifisch erweitert wird.
Kinderarmut in Osterode am Harz
Die Kinderarmutsquote lag im Jahr 2023 bei 15,4 Prozent und ist seit 2020 stetig gestiegen. Besonders betroffen sind Familien mit kleinen Kindern in den Ortsbereichen Kernstadt-Mitte und Dreilinden. Kinderarmut zeigt sich dabei in unterschiedlichen Ausprägungen:
- • Materielle Armut: fehlende finanzielle Mittel für Kleidung, Schulmaterial oder Ernährung
- • Soziale Armut: eingeschränkte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, Isolation und fehlende
- soziale Kontakte
- • Kulturelle Armut: erschwerter Zugang zu kulturellen Angeboten, Freizeitaktivitäten oder
- Vereinsleben
- • Gesundheitliche Armut: eingeschränkter Zugang zu medizinischer Versorgung, Prävention
- und gesundheitsfördernden Angeboten
Diese Formen verstärken sich häufig gegenseitig und verdeutlichen die Komplexität des Themas.
Einschätzungen und Ideen aus dem Ausschuss
Im Rahmen der Sitzung hatten die Ausschussmitglieder zudem die Möglichkeit, selbst einzuschätzen, in welchen Ortsbereichen die Kinderarmut besonders ausgeprägt ist. Überrascht zeigten sich die Anwesenden über die Verteilung der armutsbetroffenen Kinder im Stadtgebiet. Im Anschluss wurden Ideen gesammelt, welche weiteren Maßnahmen künftig dazu beitragen könnten, Familien durch Hilfs- und Unterstützungsangebote besser zu erreichen und Kinder nachhaltig zu unterstützen. Genannt wurden unter anderem der Einsatz ehrenamtlicher Lotsinnen und Lotsen, ehrenamtliche Lesepatinnen und -paten, die Gründung eines Fördervereins, eine stärkere Sensibilisierung von Haus- und Kinderärzten sowie weiterer regionaler Akteure. Auch eine mögliche Zertifizierung als kinderfreundliche Kommune, weiterführende Analysen zur sozialen Lage sowie eine Teilnahme am Programm „Prävention als Chance“ (PAC) wurden als denkbare nächste Schritte benannt. Zielgruppen und Herausforderungen
Das Projekt richtet sich an vier zentrale Zielgruppen: betroffene Familien und Kinder, Akteure der Kinder- und Jugendhilfe, das Netzwerk selbst sowie die Politik. Während die fachliche Vernetzung gut gelingt, bleibt die direkte Ansprache betroffener Familien herausfordernd. Hemmschwellen, Schamgefühle, sprachliche Barrieren oder bürokratische Hürden erschweren häufig den Zugang zu bestehenden Unterstützungsangeboten.
Erste Maßnahmen und Teilprojekte
In der Sitzung wurden bereits umgesetzte sowie bevorstehende Maßnahmen vorgestellt, darunter:
- die seit Ende letzten Jahres bestehende Möglichkeit, jedem Kind einen Kita- und
- Krippenplatz anbieten zu können,
- die seit einigen Jahren kostenfreie Nutzung der Stadtbibliothek für Kinder,
- ein kommunaler Fachtag für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren Mitte Juni diesen Jahres,
- sowie das Startchancenprogramm an der Grundschule Jacobitor und der Hauptschule Neustädter Tor.
Im Rahmen der Netzwerkarbeit wurde eine Projektförderung beim den LAG Soziale Brennpunkte Niedersachsen e. V. beantragt: Ziel des Projektes sind der Ausbau der Netzwerkarbeit, die Durchführung von Veranstaltungen und die Veröffentlichung einer Broschüre für Familien. Das Projekt wird mit 12.400 Euro durch den LAG Soziale Brennpunkte Niedersachsen e. V. und das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung gefördert. Im September 2025 fand das Kinderfest zum Weltkindertag sowie im Dezember eine Nikolausaktion mit den Kindertagesstätten Bergstraße und Schützenpark statt. Parallel wird die familienfreundliche Broschüre mit Anlaufstellen und Angeboten, ergänzt durch QR-Codes und mehrsprachige Inhalte erstellt, die demnächst ausgehändigt werden kann.
Mit dem Netzwerk „Chancenreich“ haben die Stadt Osterode am Harz, der Landkreis Göttingen und das DRK-Familienzentrum eine tragfähige Struktur geschaffen, um Kinderarmut in Osterode wirksam entgegenzuwirken und die Lebens- und Entwicklungschancen betroffener Kinder nachhaltig zu verbessern. Die Sitzung im Fachausschuss diente dazu, Politik und beteiligte Institutionen umfassend über den aktuellen Stand zu informieren und weitere Perspektiven für die zukünftige Arbeit zu entwickeln. Grundsätzlich besteht Einigkeit darüber, dass alle Beteiligten in enger Zusammenarbeit und ohne starres Zuständigkeitsdenken Verantwortung übernehmen – so, wie es das Netzwerk bereits eindrucksvoll vorlebt.
„Entscheidend ist, dass wir Kinderarmut nicht einfach als gegeben abtun, sondern gemeinsam Verantwortung übernehmen. Die Ideen aus dem Ausschuss zeigen, wie viel Engagement und Gestaltungswille in unserer Stadt vorhanden ist – daran wollen wir anknüpfen“, so Bürgermeister Jens Augat abschließend.