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Buchhandlung Winnemuth: Ein Ort für Geschichten verschwindet

Nach sechs Jahren endet für Julia Erlen ein prägendes Kapitel: Die Buchhandlung Winnemuth in Hann. Münden wird Ende September schließen. Foto: Edling
Nach sechs Jahren endet für Julia Erlen ein prägendes Kapitel: Die Buchhandlung Winnemuth in Hann. Münden wird Ende September schließen. Foto: Edling

Julia Erlen zieht Bilanz: Warum die Buchhandlung Winnemuth schließt und was der Inhaberin aus sechs Jahren Rosenstraße besonders in Erinnerung bleibt.

Es sind oft nicht die großen Sätze, an denen sich das Ende eines Ortes festmacht. Eher die stillen. Die Buchhandlung Winnemuth in Hann. Münden wird schließen und mit ihr verschwindet nicht nur ein Laden aus der Innenstadt, sondern ein Stück Alltagskultur.

Als Julia Erlen die Traditionsbuchhandlung vor sechs Jahren übernahm, geschah das in einer Zeit, die von Unsicherheit geprägt war. Corona bestimmte den Rhythmus des Alltags, wirtschaftliche Planbarkeit gab es kaum. Große Visionen, sagt sie rückblickend, habe sie sich damals gar nicht leisten können. Es sei vielmehr ein Arbeiten von Tag zu Tag, von Woche zu Woche gewesen. Die Welt habe sich zu schnell verändert, das Kaufverhalten ebenso.

Und doch gab es in diesen sechs Jahren viele Momente, die geblieben sind. Auf die Frage nach dem schönsten hinter dem Ladentisch will Erlen keinen einzelnen herausheben. Dafür seien es zu viele gewesen. Besonders in Erinnerung geblieben seien ihr jene Begegnungen, in denen Kundinnen und Kunden zurückkehrten und erzählten, ein empfohlenes Buch habe genau gepasst. Es habe berührt, geholfen, etwas ausgelöst. Das richtige Buch zur richtigen Zeit: Für Buchhändler ist das vielleicht die schönste Bestätigung ihrer Arbeit. Ähnlich wichtig waren für sie die jungen Leserinnen und Leser. Kinder und Jugendliche, die nicht nur zum Kaufen kamen, sondern wiederkehrten, nachfragten, Vertrauen aufbauten

Dass die Schließung für viele überraschend kam, kann Erlen verstehen. Einen einzigen Moment, einen abrupten Entschluss, habe es aber nicht gegeben. Stattdessen habe sich über längere Zeit verdichtet, dass die Buchhandlung in ihrer jetzigen Form wirtschaftlich nicht weitergeführt werden könne. Die Entscheidung sei nüchtern gefallen, sagt sie, und vor allem aus einem Grund: den Zahlen. Umsatzrückgänge und eine spürbar sinkende Kaufkraft hätten den Spielraum immer weiter verengt.

Die oft bemühte These, heute werde nur noch digital gelesen, bestätigt sie aus ihrer Erfahrung nicht. Es gebe weiterhin viele Menschen, die gern und viel lesen und die das haptische Buch in den Händen halten wollen. Immer wieder beobachte sie Phasen, in denen Menschen neu oder erneut zum Buch fänden, manchmal nach längeren Pausen. Das gedruckte Buch, so klingt es bei ihr, ist keineswegs erledigt. Aber seine Liebhaber sichern nicht automatisch das wirtschaftliche Überleben eines stationären Geschäfts.

Für die Zeit nach dem letzten Verkaufstag hat Erlen noch keinen festen Plan. Zunächst stehe die Abwicklung an, sagt sie. Danach wolle sie sich beruflich neu orientieren. Sie wolle schauen, wohin sie der Wind trage.

Und vielleicht passt dazu auch, welche Bücher sie derzeit begleiten. Auf ihrem Nachttisch liegen aktuell „Die Namen“ von Florence Knapp und „Da, wo ich dich sehen kann“. Bücher, die, wie sie sagt, auf angenehme Weise zum Nachdenken anregen.