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Zehn Jahre Rock for Tolerance

Was 2016 klein begann, ist heute eines der wichtigsten soziokulturellen Festivals in Hann. Münden. Fotos: Jules Stolzenhain RfT
Was 2016 klein begann, ist heute eines der wichtigsten soziokulturellen Festivals in Hann. Münden. Fotos: Jules Stolzenhain RfT

10 Jahre Rock for Tolerance! Erfahre alles über den Umzug in den Weserpark, das 3-Säulen-Konzept und wie das Festival 2026 zum "Safer Space" für alle wird.

SAVE THE DATE: 19./20. JUNI

Was vor zehn Jahren als kleine Idee begann, ist heute weit über Hann. Münden hinaus ein fester Begriff für ehrenamtliches Engagement und Musik mit Botschaft: Rock for Tolerance in Hann. Münden. Anlässlich des Jubiläumsjahres 2026 sprechen die Verantwortlichen über die Anfänge des Festivals, das konsequente Drei-Säulen-Konzept aus Konzert, Spendensammlung und den enormen Einsatz hunderter Ehrenamtlicher.

MeinMünden: Vor zehn Jahren startete Rock for Tolerance als kleines Open-Air-Festival. Welche persönlichen oder gesellschaftlichen Beweggründe standen am Anfang dieser Idee, und inwiefern haben sich Vision und Wirklichkeit über die Jahre verändert?

Robert Maaßen: Das erste Rock for Tolerance 2016 war tatsächlich noch eine Indoor Veranstaltung. Am Anfang war die Idee eine Plattform zu bieten, um sich gegen den aufkommenden Fremdenhass im Zusammenhang mit der so genannten Flüchtlingskrise positionieren zu können. Es sollte nachhaltig sein und nicht nur einen Abend wirken und dann verpuffen. Also sollten mit der Veranstaltung Spenden gesammelt werden. Als wir uns fragten, wohin diese Spenden gehen könnten, suchten wir nach Projekten und Vereinen, die sozial-integrative Arbeit machen und dachten uns, dass wir bei der Veranstaltung einen Raum schaffen könnten, um diese Projekte zu präsentieren. So entstand das 3-Säulen-Konzept: Konzert, Spendensammlung, Ausstellung. Und dieses Konzept gilt bis heute. Aus ein paar verrückten Menschen wurde erst eine GbR, dann ein gemeinnütziger Verein. Aus 5 Menschen wurden 10 Menschen aus 10 wurden 20 und inzwischen arbeiten bei unserem Festival 170 Ehrenamtliche, insgesamt mehrere tausend Stunden, teilweise das ganze Jahr über. Und einiges kam dazu. Inzwischen hat unsere Veranstaltung ein Nachhaltigkeitskonzept, ein großes Awareness-Team und ein umfassendes Kinder- und Familienkonzept. Wir wachsen und haben noch viel vor. Aber an den genannten drei Säulen halten wir kontinuierlich fest.


MeinMünden: Das Festival verbindet Musik mit einer klaren Botschaft für Toleranz, Vielfalt und soziales Engagement. Wie haben sich Besucherzahlen, Publikumserwartungen und die Wahrnehmung in der Region über die Jahre entwickelt?

Robert Maaßen: Das erste Rock for Tolerance hat unsere Erwartungen bereits übertroffen. Das war auch der Grund, im Folgejahr direkt ein Open Air Festival daraus zu machen. Die Besuchszahlen stiegen kontinuierlich, dennoch wussten wir natürlich, dass eine Veranstaltung mit regionalen Bands, wie es am Anfang war, relativ schnell eine Grenze erreichen wird. Also öffneten wir im ersten Schritt auch für Bands außerhalb des Fachwerk5Ecks. Auf unseren ersten Bewerbungsaufruf für 2019 meldeten sich bereits 100 Bands. 2019 wurde dann beschlossen, zusätzlich das erste Mal eine Band von einer Agentur zu buchen. Inzwischen buchen wir etwa die Hälfte unserer Bands von Agenturen und die restlichen Slots werden mit Bands besetzt, die sich beworben haben. Für das Festival 2026 haben uns mehr als 1.000 Bewerbungen erreicht, von denen wir 850 berücksichtigen konnten, um am Ende 8 Slots damit zu besetzen. Wir sind immer wieder überwältigt. Die Buchung von bekannteren Bands wirkt sich natürlich auf die Besuchszahlen aus. Der limitierende Faktor war in den letzten Jahren die behördlich beschränkte Kapazität des Geländes auf dem Tanzwerder. Da wir nun vom Tanzwerder auf das größere Gelände am Weserpark umziehen, haben wir nun ganz andere Möglichkeiten. Aktuell läuft der Vorverkauf ganz wunderbar. Wir sind sehr optimistisch. Es war ein langer Weg bis hierhin. Der von viel wirklich tollem Feedback und weitreichender Unterstützung von vielen Seiten gegangen wurde. Das Potential, das wir in unserer Veranstaltung von Anfang an gesehen haben, wird nun auch langsam aber sicher weitreichend wahrgenommen. Wir haben uns zu einem der wichtigsten Förderer in Hann. Münden entwickelt und bringen inzwischen Menschen aus ganz Deutschland nach Hann. Münden. Und da geht noch viel mehr.

Die Kehrseite der Medaille: Wer sich so laut wie wir es tun, für eine diverse, bunte, gleichberechtigte und offene Gesellschaft stark macht, zieht in der heutigen Zeit auch viel Hass auf sich. Es ist absurd, aber so ist das eben.


MeinMünden: Seit 2016 wurden laut Vereinsangaben Spenden im fünf- bis sechsstelligen Bereich gesammelt und sozial-integrative Projekte unterstützt. Können Sie erläutern, welche Projekte besonders nachhaltig gefördert wurden und was Sie persönlich als den wichtigsten Erfolg dieser sozialen Arbeit betrachten?

Marco Hepe (Finanzvorstand): Über diesen langen Zeitraum ist es schwierig, einzelne Projekte herauszuheben. Vielleicht macht es mehr Sinn, nach Antragstellern oder Zielgruppen zu clustern. Hier ist unter den Antragstellern der Bereich der Kindergärten, Stadtjugendring, Bürgertreff oder Haus der Nationen zu nennen. Schwerpunkt sind hier Aktionen von und für Kinder und Jugendliche für zum Beispiel Außenanlagen, gemeinsame Aktionen, Hausaufgabenhilfen, Freizeiten, Schulungsfahrten. Zuletzt haben sich auch regelmäßig Unterstützungen für Aktionen an Frauentagen oder CSDs ergeben. Besondere Förderungen waren daneben wohl die Unterstützung der Mündener Tafel in Zeiten erhöhter Inanspruchnahme durch deren Kunden (hohe Inflation und Ukraine-Geflüchtete) sowie der Red Stars in Corona-Zeiten, als deren Einnahmen aufgrund wegfallender Engagements erodierten, während die Kosten im Form von Proberaummieten unverändert bestehen blieben. Da die Förderungen von den eingehenden Anträgen der Antragsteller abhängig ist, bilden sich die Schwerpunkte nicht von uns gesteuert hervor, zeigen aber wohl gut, wo es akuten Bedarf in der Gesellschaft gibt. Mit den Schwerpunkten der Förderungen sind wir durchaus zufrieden. Uns ist wichtig, im Rahmen unserer satzungsgemäßen Möglichkeiten zu helfen, wo Hilfe nötig ist.

MeinMünden: Beim Jubiläumsfestival 2026 steht nicht nur ein besonderes Line-up, sondern auch ein neues Festivalgelände mit eigenem Campground an. Welche Herausforderungen und Chancen sehen Sie in dieser Erweiterung?

Diana Haeseler: Die Herausforderung ist ganz klar, das Festival, so wie wir es auf dem Tanzwerder etabliert haben, auf dem neuen Gelände genauso und noch besser und größer zu gestalten. Der Weserpark ist komplett anders strukturiert und für Veranstaltungen noch nicht erschlossen. Das fängt dabei an, dass der Boden nicht aus Wiese, sondern aus meterdickem Beton besteht und endet dabei, dass es bisher weder ein Strom- noch ein Abwassersystem gibt. In Zusammenarbeit mit den zuständigen Stellen werden wir die erste größere Veranstaltung auf diesem Gelände abhalten und so quasi den ersten Testlauf durchführen. Die Chance liegt hierbei nicht nur auf der Entwicklung des Weserparks als Veranstaltungsort, sondern für uns auch in einem enormen Wachstumspotenzial. Der Tanzwerder war auf 1000 Gäste beschränkt, aber das Rock for Tolerance Festival soll wachsen und das ist nun im Weserpark möglich. Eine weitere Herausforderung ist es zum ersten Mal einen Campground für Gäste, inklusive Wohnmobile anzubieten. Die Ansprüche beim Festivalcamping sind mittlerweile sehr hoch und es werden zusätzliche Konzepte unabhängig vom Festival benötigt. Zum Glück haben wir fähige Menschen in unserer Crew, die viel Erfahrung und Ehrgeiz mitbringen, auch diesen Bereich möglichst professionell zu gestalten.

MeinMünden: Rock for Tolerance versteht sich als „Safer Space“ und lebt ein inklusives Verständnis von Gemeinschaft. Welche Maßnahmen und Konzepte setzen Sie konkret um, um diese Werte erlebbar zu machen?

Diana Haeseler: Unser Leitbild ist es, dass jeder Mensch ein Recht auf soziale Teilhabe hat. Deswegen bieten wir ein mehrstufiges Ticketpreiskonzept an. Kinder und Senioren haben freien Eintritt, es gibt ein Soli-Ticket und weitere Preise sind frei wählbar. Während des Festivals haben wir ständig ein Awareness-Team im Einsatz und einen dazugehörigen Awareness-Point. Beides ist dafür da vor allem diskriminierendes oder übergriffiges Verhalten zu melden und dabei Hilfe zu leisten, da das Awareness-Team speziell im Umgang mit Menschen in emotionalen Notsituationen geschult ist. Außerhalb dieser Notfälle versorgt das Team die Gäste aber auch mit Kleinigkeiten wie Sonnenschutz und ist allgemeiner Ansprechpartner, damit das Sicherheitsteam sich unabhängig um den reibungslosen Ablauf der Veranstaltung kümmern kann. Zudem gilt auf unserer Veranstaltung das Konsens-Prinzip, sprich alle Handlungen und Interaktionen finden ausschließlich im Einverständnis aller Beteiligten statt. Diese und weitere Regeln, die zu einem Safer Space beitragen, finden sich in unserem Code of Conduct. Zudem bieten wir ein Konzept speziell für Kinder an, damit auch Familien inkludiert werden. Zu diesem Konzept gehören beispielsweise ein Wickel- und Stillzelt und Musikacts, die sich speziell an Kinder richten. Im letzten Jahr haben wir mit Hilfe von Experten eine Umfrage erstellt, um die Bedarfe von Menschen mit Behinderungen zu erfassen. Dazu gehören unter anderem eine spezielle Toilette oder eine Rampe, damit RollstuhlfahrerInnen die Bühne besser sehen können. Der Awareness-Point kann in Bezug darauf auch als Rückzugsort für neurodivergente Personen dienen.

SAVE THE DATE: 19./20. JUNI