Mit einem Abschiedskonzert hat sich Neithard Babel nach 70 Jahren von der Bühne verabschiedet. Der Abend im Gasthaus „Zur Krone“ in Ziegenhagen fand am gestrigen Samstag vor vollem Haus statt und wurde von vielen Anekdoten aus seiner langen Musikerlaufbahn begleitet. Damit ging eine außergewöhnliche musikalische Biografie zu Ende, die eng mit Ziegenhagen, Nordhessen und zahlreichen Stationen weit darüber hinaus verbunden ist.
Schon der Titel seines Jubiläumsflyers zum Konzert machte deutlich, welche Bedeutung die Musik für Neithard Babel hatte: „Ohne die Musik hätte ich das alles nie erlebt und erreicht.“ Dieser Satz steht sinnbildlich für ein Leben, das über Jahrzehnte von Auftritten, Ensembles, musikalischer Vielseitigkeit und persönlicher Beständigkeit geprägt war.
Der Anfang einer langen Laufbahn
Neithard Babel wurde am 7. März 1943 in Kassel geboren. Laut eigenen Angaben kam er einen Tag vor der Bombennacht im Oktober 1944 „im Rucksack seiner Mutter“ nach Ziegenhagen und wuchs dort bis zu seinem 17. Lebensjahr auf. Seinen ersten Bühnenauftritt hatte Babel bereits 1956 im Alter von 13 Jahren im Gasthaus „Zur Krone“ in Ziegenhagen. Dass ausgerechnet dort nun auch das Abschiedskonzert stattfand, verlieh dem Abend eine besondere Geschlossenheit. Zwischen erstem und letztem Auftritt an diesem Ort liegen sieben Jahrzehnte Musikgeschichte.
Die erste Gage für den jungen Musiker bestand aus „einem Kochwürstchen und zwei Schokoküssen“. Schon damals spielte er jedes Wochenende als Schlagzeuger mit seinem Vater und dessen Musikerkollegen auf Tanzveranstaltungen und Kirmessen. Diese frühen Jahre waren der Beginn einer Laufbahn, die ihn musikalisch immer weiter führen sollte.
Vom Schlagzeug zum Saxophon
Ein wichtiger Wendepunkt in Babels musikalischem Leben war der Wechsel vom Schlagzeug zum Saxophon. Der mühsame Transport des Schlagzeugs mit dem Moped motivierte ihn laut Flyer dazu, das Instrument zu wechseln. Das Saxophonspiel brachte er sich im Selbststudium bei. Parallel zu seiner musikalischen Tätigkeit absolvierte er eine Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker. Dennoch blieb die Bühne ein zentraler Bestandteil seines Lebens. Vorwiegend in Kasseler Kneipen trat er in einer „Rock & Roll“-Triobesetzung auf. Danach war er fast jedes Wochenende in verschiedenen Formationen unterwegs, unter anderem in Witzenhausen mit den „Werraspatzen“ und „Den Rackers“ sowie in Kirmeskapellen im Großkreis Hann. Münden.
Eigene Musik und die Zeit der „Globetrotter“
1965 entstand mit „Den Rackers“ in Fulda eine Single-Aufnahme von zwei Eigenkompositionen Neithard Babels. Später wirkte er in der Bigband der Bundeswehr unter Günter Noris mit, unter anderem während der Olympiade 1972 in München und bei Eröffnungen in Schilksee.
Trotz dieser musikalischen Erfolge entschied er sich, mit einem Studium der Elektrotechnik ein festes berufliches Standbein zu schaffen. Um das Studium zu finanzieren, gründete er in Witzenhausen das Quintett „Die Globetrotter“. Aus diesem Ensemble entwickelte sich später eine erweiterte Besetzung. 1980 nahm die Gruppe in Hamburg eine LP mit dem Titel „Die Globetrotter bitten zum Tanz“ auf.
Die Engagements und die daraus entstehenden Erfolge ermöglichten es Babel nach dem Elektronik-Staatsexamen sogar, ein Lehrerstudium anzuhängen. Gleichzeitig blieb er musikalisch auf hohem Niveau aktiv: Es folgten bundesweite Live-Auftritte mit der Begleitung bekannter Solokünstler, darunter Rudolf Schock, Billy Mo, Howard Carpendale, Gerhard Wendland, Jakob Sisters, Tonia, Bernd Stetter und Heinz Schenk vom „Blauen Bock“, außerdem mit den Mainzer Hofsängern in Bochum.
Zwischen Schule, Bühne und internationalen Auftritten
Nach dem 1. Staatsexamen und dem Referendariat an der GS Schule in Witzenhausen erhielt Babel nach dem 2. Staatsexamen eine Anstellung in Norddeutschland zwischen Bremen und Bremerhaven. Beruflich bedeutete das die Aufgabe der Leitung der Globetrotter, musikalisch zog er sich jedoch keineswegs zurück. Es folgten Duo-Auftritte auf Kreuzfahrtschiffen in norwegischen Fjorden, am Nordkap, in Spitzbergen, auf den Kanaren, auf Madeira und im westlichen Mittelmeer. Hinzu kamen Live-Auftritte bei Radio Bremen in den Sendungen „Hafenkonzert“ und „Bremer Container“.
Auch international setzte sich seine musikalische Laufbahn fort. Nach sieben Jahren im Norden führte ihn sein beruflicher Weg nach Belgien, an die internationale Schule „SHAPE“ des NATO-Hauptquartiers. Dort spielte er fünf Jahre lang als Saxophonist im Militärochester des NATO-Hauptquartiers.
Rückkehr nach Nordhessen und neue Formationen
Nach sechs Jahren erfolgte die turnusmäßige Rückversetzung in den Inlandsschuldienst. Babel unterrichtete an verschiedenen Schulen in Hann. Münden, darunter auch am Grotefend Gymnasium. Doch die Bühne blieb weiter Teil seines Lebens. Es folgten sechs Jahre Tanzmusik mit der „Biberband“ aus Hersfeld — hessenweit. Auch nach seiner Pensionierung blieb Neithard Babel musikalisch aktiv. 2008 gründete er das „Globetrotter Tanz & Unterhaltungs Orchester“ in klassischer Bigband-Besetzung mit fünf Saxophonen, vier Trompeten, vier Posaunen, Piano, Bass und Schlagzeug. Dazu kamen Gesang von Tochter Olivia und Neithard Babel selbst sowie „Urglobetrotter“ Klaus Pötter. Mit dieser Formation folgten Großveranstaltungen, unter anderem auf dem Friedrichsplatz, der Ufa-Terrasse am Karlsplatz, am Bugasee in Kassel und im Ballhaus Schloss Wilhelmshöhe.
Ein Abschied mit Dankbarkeit
Das gestrige Abschiedskonzert markierte den Schlusspunkt unter eine bemerkenswert lange und vielseitige Bühnenkarriere, die bereits als Jugendlicher in Ziegenhagen begann und ihn von Tanzveranstaltungen und Kirmessen über Radioauftritte, Kreuzfahrtschiffe und große Orchester bis hin zu Bigband-Projekten im Ruhestand führte. Dass der Abend vor vollem Haus stattfand und von vielen Anekdoten aus seiner Musikerlaufbahn getragen wurde, passt zu dieser Biografie. Denn Neithard Babels Weg war nie nur eine Abfolge von Auftritten, sondern immer auch eine Geschichte von Erinnerungen, Begegnungen und musikalischer Leidenschaft.