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15 Kinder, 5 Tage und eine große Botschaft

Große Bühne für kleine Stimmen: 15 Kinder entwickelten beim Theaterprojekt „Licht an für unsere Stimmen!“ des Vereins Misch-Kulturen Albshausen e. V. ein eigenes Stück über Demokratie, Freiheit und Zusammenhalt. Foto: Fehrmann
Große Bühne für kleine Stimmen: 15 Kinder entwickelten beim Theaterprojekt „Licht an für unsere Stimmen!“ des Vereins Misch-Kulturen Albshausen e. V. ein eigenes Stück über Demokratie, Freiheit und Zusammenhalt. Foto: Fehrmann

15 Kinder, fünf Tage und eine große Aufführung: Misch-Kulturen Albshausen e. V. verbindet mit einem kreativen Theaterprojekt Demokratie und Mitbestimmung.

Ein Wolf hat Hunger. Ein Igel fürchtet sich. Zwei Wildpferde wollen frei sein, eine Wolke möchte die Sonne verdecken und eine Statue träumt davon, endlich lebendig zu werden. Was auf den ersten Blick nach einer ziemlich verrückten Geschichte klingt, erzählt bei genauerem Hinsehen von etwas, das uns alle beschäftigt: unseren Wünschen, unseren Ängsten und der Frage, wie wir miteinander leben wollen. Genau darum ging es beim fünftägigen Theaterprojekt „Licht an für unsere Stimmen!“, das der Verein Misch-Kulturen Albshausen e. V. vom 12. bis 16. Oktober in Witzenhausen-Albshausen veranstaltete. 15 Kinder nahmen an dem vollständig ausgebuchten, kostenfreien Ferienangebot teil. Gefördert wurde das Projekt durch die lokale Partnerschaft für Demokratie im Werra-Meißner-Kreis im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und des Landesprogramms „Hessen aktiv für Demokratie und gegen Extremismus“.

Was in dieser Woche entstand, war eine Geschichte über Freiheit und Gerechtigkeit, über Umweltschutz, Zusammenhalt und die Kraft, die entsteht, wenn Menschen einander zuhören. Vor allem aber war es eine Geschichte, die die Kinder selbst erfunden hatten.


Hier durften die Kinder wirklich bestimmen

Am Anfang stand kein fertiges Drehbuch. Es gab keine vorgegebenen Rollen, keine auswendig zu lernenden Dialoge und keine Geschichte, deren Ende bereits feststand. Stattdessen begann die Woche mit einer einfachen Frage: Was ist eigentlich gerecht? In spielerischen Übungen beschäftigten sich die Kinder mit unterschiedlichen Alltagssituationen. Sie überlegten, diskutierten, widersprachen einander und merkten schnell, dass Gerechtigkeit nicht immer so einfach ist, wie es zunächst scheint. Was der eine gerecht findet, kann sich für einen anderen ganz anders anfühlen. Beim anschließenden „Bürgermeisterspiel“ durften die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer gedanklich selbst das Ruder übernehmen. Was würden sie verändern, wenn sie zu Hause, in der Schule, in ihrem Dorf oder sogar auf der ganzen Welt bestimmen könnten? Welche Dinge stören sie? Was wünschen sie sich? Und wie könnte die Welt ein bisschen besser werden?

Dabei ging es nicht darum, möglichst schnell die richtige Antwort zu finden. Viel wichtiger war es, eigene Gedanken zu entwickeln, andere Meinungen gelten zu lassen und gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Genau dieser Gedanke zog sich durch die gesamte Woche: Jede Stimme zählt. Auch die leise. Auch die, die etwas ganz anderes sagt als alle anderen.


Eine Erde, 15 Figuren und ganz unterschiedliche Wünsche

Aus Geschichtenkarten, Fantasiereisen, Gesprächen und jeder Menge kreativer Einfälle entwickelten die Kinder nach und nach ihre eigenen Theaterfiguren. Und die hätten unterschiedlicher kaum sein können. Da gab es zwei wilde Pferde, die nichts mehr liebten, als über weite Wiesen zu galoppieren. Einen Tiger, der die Freiheit der Natur einem Leben hinter Gittern vorzog. Einen Wolf, der auf die Jagd gehen wollte, und einen Igel, der sich vor Gefahren schützen musste. Ein Schmetterling suchte nach blühenden Blumen, während ein frecher Waschbär sich über den Müll in seiner Umgebung ärgerte.

Auch die Sonne und eine Wolke gehörten zur Geschichte. Während die eine ungestört scheinen wollte, hatte die andere ihren Spaß daran, sie zu verdecken. Ein Erfinder tüftelte an neuen Ideen, ein Roboter wollte endlich einmal ausreden dürfen. Und eine Statue, die tagsüber regungslos verharren musste, konnte nachts plötzlich lebendig werden. Mittendrin: ein ganz besonderer Tisch. Einer, der sich bewegen, sprechen und vor allem zuhören konnte.

Gemeinsam überlegten die Kinder, was ihre Figuren glücklich macht und was ihnen Sorgen bereitet. Dabei entstand die zentrale Idee des Theaterstücks: Wir alle stehen manchmal im Licht und manchmal im Schatten. Im Licht stehen wir, wenn es uns gut geht, wenn wir frei sind, uns sicher fühlen und unsere Bedürfnisse gesehen werden. Im Schatten stehen wir, wenn wir Angst haben, eingeschränkt werden, etwas vermissen oder niemand uns zuhört.

Doch die Kinder entdeckten noch etwas anderes: Was für den einen Licht bedeutet, kann für einen anderen Schatten sein. Die Sonne möchte scheinen, die Wolke möchte sie verdecken. Der Wolf braucht Nahrung, während andere Tiere Angst haben, selbst zur Beute zu werden. Und während die Statue die Nacht herbeisehnt, liebt der lebendige Tisch den Tag. Wie soll das funktionieren, wenn alle etwas anderes wollen?


Alles kommt auf den Tisch

Die Antwort darauf fanden die Kinder in ihrer vielleicht wichtigsten Theaterfigur: dem lebendigen Tisch. Er wurde zum Mittelpunkt der Geschichte und zum Symbol für das demokratische Miteinander. Hier konnten die Figuren ihre Wünsche äußern, ihre Sorgen teilen, miteinander streiten und nach gemeinsamen Lösungen suchen. Denn manchmal muss man Kompromisse schließen. Manchmal muss man zurückstecken. Und manchmal merkt man mitten im Gespräch, dass die Idee eines anderen vielleicht doch gar nicht so schlecht ist.

Die Botschaft dahinter ist so einfach wie bedeutsam: Demokratie bedeutet nicht, dass immer alle einer Meinung sind. Demokratie beginnt dort, wo wir einander zuhören, unterschiedliche Bedürfnisse ernst nehmen und gemeinsam Entscheidungen treffen. Bemerkenswert war dabei, dass genau das nicht nur auf der Bühne geschah. Auch die Entstehung des Stücks folgte diesem Prinzip. Die Kinder konnten ihre Rollen verändern, neue Ideen einbringen, Entscheidungen mitgestalten und den Verlauf ihrer gemeinsamen Geschichte beeinflussen. So wurde Demokratie nicht nur zum Thema des Theaterstücks, sondern zu einem festen Bestandteil der gesamten Projektarbeit.


Wenn aus Schatten Geschichten werden

Auch bei der künstlerischen Umsetzung waren Fantasie und Mitbestimmung gefragt. Zunächst experimentierten die Kinder mit Lichtquellen, ihren Händen und ihren eigenen Körpern. Sie entdeckten, wie Schatten entstehen, wie sie sich verändern und wie sich damit Gefühle und Geschichten ausdrücken lassen. Schließlich entschieden sie sich dafür, ihre Figuren als Scherenschnitte aus schwarzem Karton zu gestalten. Mit Holzstäben versehen, konnten die selbst gebastelten Charaktere hinter einer beleuchteten Leinwand zum Leben erweckt werden. Daraus entstand eine besondere Form des Erzählens: Im Schattentheater zeigten die Figuren zunächst ihre schwierigen Seiten. Ihre Sorgen, Ängste und unerfüllten Wünsche wurden als dunkle Silhouetten sichtbar. Anschließend traten die Kinder selbst aus dem Schatten ins Licht und spielten, was ihre Figuren glücklich machte.

Ergänzt wurde das Ganze durch Projektionen, selbst gestaltete Kulissen, Kostüme und Musik. So entstand aus verschiedenen Ausdrucksformen ein gemeinsames Bühnenstück, in dem jedes Kind seinen eigenen Platz fand. Zwischen Geschichtenentwicklung und Theaterproben blieb auch Zeit für besondere Gemeinschaftserlebnisse. Ein Höhepunkt war das gemeinsame Lagerfeuer, bei dem die Kinder über passende Musik für ihr Stück nachdachten und zusammen sangen. Aus einzelnen Liedvorschlägen wurde schließlich eine musikalische Begleitung für die Aufführung.


Fünf Tage bis zum großen Auftritt

Am Freitag war es schließlich so weit. Nach einem letzten Aufwärmspiel, Stimmübungen und den abschließenden Proben der drei Musikstücke wurde die große Bühne vorbereitet. Requisiten mussten bereitgelegt, Kostüme organisiert und die Zuschauerplätze eingerichtet werden. Dann kamen die Gäste. Eltern, Geschwister, Großeltern, Freunde und Nachbarn – rund 100 Menschen waren der Einladung nach Albshausen gefolgt, um gemeinsam zu essen und anschließend die Aufführung zu erleben. Für die 15 jungen Schauspielerinnen und Schauspieler war es der große Abschluss einer außergewöhnlichen Woche. Was wenige Tage zuvor mit ersten Ideen, lustigen Geschichten und selbst erfundenen Figuren begonnen hatte, wurde nun vor Publikum lebendig.

Da galoppierten Pferde, Tiere erzählten von ihren Sorgen, Sonne und Wolke stritten um den Himmel, und der lebendige Tisch brachte die unterschiedlichsten Charaktere miteinander ins Gespräch. Die Kinder präsentierten nicht einfach ein Theaterstück, das Erwachsene für sie geschrieben hatten. Sie zeigten ihre eigene Geschichte. Mit ihren eigenen Figuren, ihren Gedanken und ihren Vorstellungen davon, wie ein gutes Zusammenleben aussehen kann. Das gemeinsame Essen und die Aufführung machten den Abschluss zugleich zu einem generationenübergreifenden Begegnungsfest. Die Kinder konnten ihre Arbeit mit Familien und Nachbarn teilen, während das Publikum erleben durfte, was innerhalb von nur fünf Tagen aus Kreativität, Zusammenarbeit und gegenseitigem Vertrauen entstehen kann.


Demokratie beginnt im Kleinen

Hinter dem Projekt stand eine Überzeugung, die für die Arbeit des veranstaltenden Vereins Misch-Kulturen Albshausen e. V. von besonderer Bedeutung ist: Kinder brauchen Räume, in denen sie sich ausprobieren, Verantwortung übernehmen und erleben können, dass ihre Meinung etwas bewirkt. Gerade im ländlichen Raum sind solche niedrigschwelligen, kostenfreien Angebote wertvoll. Sie schaffen Möglichkeiten zur Begegnung, fördern die kulturelle Teilhabe und eröffnen Kindern Gelegenheiten, ihre eigenen Ideen in die Gemeinschaft einzubringen. Dass das Theaterprojekt in dieser Form stattfinden konnte, ermöglichte die Förderung durch die Partnerschaft für Demokratie im Werra-Meißner-Kreis und die beteiligten Förderprogramme von Bund und Land.