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Ottobock bei Milano Cortina 2026: Technik, die Sekunden rettet

Das Team von Ottobock in Aktion. Fotos Ottobock
Das Team von Ottobock in Aktion. Fotos Ottobock

Wenn Material über Medaillen mitentscheidet

Auf der Piste zählt nicht nur Mut, Muskelkraft und Linie – manchmal entscheidet das kleinste Bauteil. Eine gelockerte Schraube am Monoski, ein ausgeschlagenes Kugellager am Rollstuhl, ein Riss im Prothesenadapter: Was für Zuschauer unsichtbar bleibt, kann für Athletinnen und Athleten den Unterschied zwischen Start und Ausfall bedeuten. Genau in dieser Zone, in der Sekunden und Sicherheit zusammenfallen, liegt die stille Schlüsselrolle von Technik. Und genau da kommt Ottobock ins Spiel.

Nach den Paralympischen Winterspielen Milano Cortina 2026, die am Sonntag mit der Closing Ceremony im Stadio Olimpico del Ghiaccio in Cortina zu Ende gingen, zieht das deutsche MedTech-Unternehmen Bilanz. 488 Reparaturen führten die Technikerinnen und Techniker an den drei Standorten der Paralympischen Dörfer durch: Mailand, Cortina d’Ampezzo und Predazzo. Eine Zahl, die nicht nach Show klingt, sondern nach Werkbank, Schweißnaht und präziser Handarbeit – Tag für Tag, oft unter Zeitdruck.

Drei Dörfer, ein Auftrag: Einsatzbereites Equipment

Ein 86-köpfiges internationales Expertinnen- und Experten-Team übernahm die technische Verantwortung für Rollstühle, Prothesen, Orthesen, Sledges, Monoskis und weitere Hilfsmittel. Gearbeitet wurde in drei Hauptwerkstätten sowie an mobilen Servicestationen direkt an den Wettkampfstätten. Der Anspruch: schnell, zuverlässig, lösungsorientiert – und so nah am Geschehen, dass eine Reparatur nicht zum logistischen Hindernislauf wird.


Die Verteilung der Einsätze zeigt, wie vielfältig die Anforderungen sind. 41 % der Reparaturen entfielen auf Rollstühle, 15 % auf Prothesen. Bei 11 % waren Orthesen betroffen, die wieder einsatzfähig gemacht werden mussten. Dazu kamen zahlreiche Fälle, die sich nicht sauber in Kategorien pressen lassen – weil der Alltag im Paralympischen Dorf eben nicht nur aus Wettkampf besteht, sondern aus Wegen, Transfers, Training und Routine, die ebenfalls funktionieren müssen.

18 Notfalleinsätze: Wenn die Uhr am Startgate tickt

Besonders dramatisch wird Technik dort, wo sie nicht im Hintergrund bleiben kann: Direkt an den Wettkampfstätten führten die Teams 18 Notfalleinsätze aus – Einsätze, die darüber entschieden, ob ein Start überhaupt möglich war, manchmal buchstäblich in letzter Minute. Während draußen Adrenalin, Kälte und Wettkampflärm regieren, wird in solchen Momenten im Servicebereich konzentriert gearbeitet: Diagnose, Entscheidung, Handgriff – und möglichst ohne zweite Chance.

Bemerkenswert ist dabei, dass der Ottobock Service nicht beim reinen Sportgerät endet. Neben dem Wettkampf-Equipment wurden 346 Alltags-Hilfsmittel repariert – kostenfrei und herstellerunabhängig für alle Athletinnen, Athleten und Teammitglieder. Das ist mehr als ein technischer Dienst: Es ist Infrastruktur für Selbstständigkeit, Mobilität und Ruhe im Kopf. Denn wer sich im Dorf nicht sicher bewegen kann, bringt weniger Sicherheit mit an den Start.

„Hier werden aus Problemen Lösungen“

Peter Franzel, Head of Global Exhibitions, Events & Sports und seit 2008 hauptverantwortlich für die Organisation des Technischen Service, beschreibt den Kern dieser Arbeit ohne Pathos, aber mit Klarheit: „Unsere Werkstatt ist der Ort, an dem aus Problemen Lösungen werden. Die Athletinnen und Athleten kommen mit einer Herausforderung – und gehen mit der Gewissheit, wieder voll angreifen zu können. Genau das ist der Grund, warum unsere Werkstatt so wichtig ist.“

Peter Franzel und IPC-Präsident Andrew Parsons (c) Ottobock

Dass diese Bedeutung weit über die Werkbank hinausreicht, unterstrich auch Andrew Parsons, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees, beim Besuch der Werkstatt in Cortina d’Ampezzo. Sein Fazit: Der Service sei unverzichtbar, weil Athletinnen und Athleten ohne funktionierendes Equipment nicht antreten könnten. Die Technikerinnen und Techniker ermöglichten Bewegung und Wettbewerb – und damit jene Momente, die Menschen weltweit inspirieren.

Kreativität trifft Präzision: Von Kleidung bis Carbon

Der Winter in den Alpen zeigte sich wechselhaft – und mit ihm die Aufgaben. Bei warmen Bedingungen wünschten sich Para Langlauf- und Para Biathlon-Athletinnen und -Athleten gekürzte Hosen und Shirts, um nicht zu überhitzen. Vor Ort wurden Kleidungsstücke angepasst oder Mützen zu Stirnbändern umgenäht. Für einen zweifachen deutschen Medaillengewinner wurden die „kurzen Hosen“ sogar zum Glücksbringer – eine kleine Maßnahme mit großer psychologischer Wirkung.

Technisch anspruchsvoll wurde es, als ein französischer Skifahrer mit gebrochenem Daumen Hilfe suchte: Er brauchte eine Handschiene, damit der Finger im Riesenslalom nicht ungeschützt gegen die Tore schlägt. Zwei Orthopädietechniker entwickelten eine maßgeschneiderte Lösung. Zuerst entstand ein Gipsabdruck der Hand im Skihandschuh – inklusive Griffhaltung am Stock. Daraus fertigten sie ein Gipsnegativ, das anschließend mit Folie, mehreren Lagen Carbonfaser und Kunstharz aufgebaut wurde. Unter Unterdruck wurde das Material passgenau geformt. Ergebnis: eine Schiene, die Schutz bietet, ohne das Gefühl für Stock und Timing zu verlieren.

Und dann gibt es diese Aufgaben, die zeigen, wie breit Problemlösung verstanden werden kann: Ein mexikanisches Teammitglied brachte eine Flöte mit einem feinen Riss im Mundstück aus Tierknochen. Die Töne klangen nicht mehr sauber. Ein Techniker füllte den Spalt mit Siegelharz und schliff die Oberfläche glatt – kurz darauf erklang die Flöte in der Werkstatt wieder klar. Nicht sportentscheidend? Vielleicht. Aber teamentscheidend, stimmungsentscheidend, menschlich.

Von Schweißnähten bis Feinschliff – und der Blick nach vorn

Die Bandbreite der Reparaturen reichte von Rahmenschweißarbeiten an Rollstühlen und Para Eishockeyschlitten über den Austausch von Kugellagern bis zur präzisen Anpassung von Ski-Prothesen. Mal ging es um das Kürzen und Sichern von Schrauben, mal um das Nacharbeiten von Sitzschalen. Schon in den Trainingstagen vor den Wettkämpfen sorgten solche Eingriffe dafür, dass Athletinnen und Athleten mit Vertrauen in ihr Material starten konnten.

Franzel bringt den Antrieb auf eine Formel: „Passion for Paralympics ist für uns kein Slogan – es ist unser Antrieb.“ Der Spirit aus Mailand, Cortina und Predazzo werde nun mitgenommen auf die Reise zu den kommenden Paralympischen Spielen 2028 in Los Angeles und 2030 in den französischen Alpen. Die Vorbereitungen laufen bereits. Denn wer weiß, dass Sekunden entscheiden, plant nicht erst, wenn etwas bricht – sondern lange vorher.